Seiten

Dienstag, 18. Dezember 2012

Christkindlbrief



Liebes Christkind,

ich habe heute einen ganz besonderen Wunschzettel für Dich und ich würde mich echt freuen, wenn Du diesmal meine Wünsche berücksichtigen könntest, damit nicht wieder dasselbe passiert wie dieser monumentale Fehler, der Dir im letzten Jahr mit diesen unsäglichen Moonboots unterlaufen ist – Du verstehst?

Ich wünsche mir heuer etwas für unsere Piraten, Du weißt schon, dieser an sich recht nette Joystick-schwingende und Club-Mate-trinkende Haufen, der das mit der Toleranz und der Transparenz so gerne in unserem schönen Land haben möchte…

Ich denke, Du weißt schon, worauf ich anspiele, da Du von Deinem himmlischen Twitteraccount aus – und ich gehe selbstverständlich davon aus, dass Du auch alle Mailing-Listen abonniert hast  - sowieso bestens informiert bist.

Also: Wie Du weißt, gibt es ja auch bei uns, wie überall die Guten und die Bösen. Auch wenn natürlich alle immer glauben, dass nur sie allein das Recht gepachtet haben, die ausschließlich Guten zu sein.

Sei es, wie es sei. Ich kann Dir nur sagen, wir sind da in eine wirkliche üble Sache hineingeschlittert und ich fühle mich echt mies dabei, wenn ich sehe, was da grad abgeht.

Ich bin Piratin. Aus Überzeugung. U.a. aus der Überzeugung heraus, dass in unserer Politik etwas geschehen muss. Dass es nicht so weiter gehen kann wie bisher, wo alle auf Macht setzen, nur ihr eigenes Schäfchen ins Trockene bringen möchten und die Gemeinschaft im Prinzip scheißegal ist. 

„Klarmachen zum Ändern“ heißt unsere Devise und ich finde das wirklich gut und obernötig!

„Klarmachen zum Ändern“ geht aber in den letzten Tagen recht arg in die falsche Richtung bei uns Piraten. Wir ändern zwar, selbstverständlich und andauernd, aber wir ändern derzeit von so was in die falsche Richtung! Wir ändern gerade zurück! In ganz dunkle Zeiten! Stell Dir das mal vor! 
Wir ändern zurück zu Hexenverbrennungs- und Inquisitionszeiten! Da guckst Du jetzt, hm? Ich hab echt schon überlegt, ob ich auf meinen Wunschzettel noch den „Hexenhammer“ – dieses detaillierte Werk zur Theresiana Criminalis setzen soll, nur auf dem aktuellen Stand der Dinge zu bleiben! Bei Amazon hab ich schon geguckt. So weit ist es also schon gekommen!

Bei uns Piraten gibt e,s wie Du weißt, sehr, sehr viele AGs und SGs und interne Strömungen und Flügelbewegungen etc. die sich alle im Laufe der Zeit als mehr oder weniger produktiv erwiesen haben. Da gibt es interne Treffen,  wo sich schon immer ausgesuchte Leuten treffen, um sich „aus zu kotzen“ wie ich mir hab sagen lassen, da gibt es Gendergruppen, geheime Skype-Runden, exklusive Super-Mario-Clubs und was weiß ich noch alles – ich glaube, dass da wirklich keiner mehr den Überblick hat! Da bei uns wirklich jeder mitmachen und mitreden darf, nutzen diese Werkzeuge aber nicht nur Piraten, die konstruktiv und programmatisch arbeiten wollen, sondern leider auch sehr viele Trolle, die einen Heidenspaß dran haben, immer wieder dazwischen zu krakeelen und Produktivität zu Nichte zu machen. Ich glaube, dass Du die Jammerei darüber zur Genüge kennst und die Trolle auch, auch wenn sie in Deinen himmlischen Sphären vielleicht anders heißen...

Nun, hat sich zu diesem bunten Allerlei noch eine weitere Gruppierung gesellt. 
Das „Frankfurter Kollegium“. Bäh. Böses Wort. Man traut es sich kaum noch aus zu sprechen.

Da hat sich nun eine Gruppe Piraten zusammen getan, die weder nach links noch rechts tendieren, sondern sich als sozial und liberal bezeichnen und einfach Programm gestalten möchten. Weißt Du liebes Christkind, die wollen Positionspapiere erarbeiten, Anträge stellen – eben genau das, was halt andere Gruppierungen auch tun. Du meinst jetzt, dass das doch gar nicht soooo schrecklich klingt?

Na, da irrst Du Dich aber gewaltig! (Verzeih, wenn ich Dir das in Deiner göttlichen Weisheit zu unterstellen wage - fällt ganz klar in die Kategorie "freie Meinungsäußerung und ich hoffe schwer, dass Du damit umgehen kannst ;-)

Denn kaum hatten die sich gegründet, brach innerhalb der Piraten ein Shitstorm los, grad so als hätte ihn Dein Papst selbst initiiert und seine, ich weiß nicht wie viele Katholiken, zum heiligen Krieg aufgerufen.
Bitte sei mir nicht böse. Aber so wie dieser Shitstorm abläuft erinnert er mich doch schwer an Eure Hl. Inquisition – Ihr habt das ja auch gnadenlos durchgezogen, alle und jeden zu vernichten, der gewagt hat anderer Meinung zu sein als Ihr. Was Du selbst von all den Kreuzzügen, Folterungen und Vernichtungen hältst, das weiß ich zwar eigentlich gar nicht. Fakt ist aber, dass all diese schrecklichen Dinge sehr wohl unter Deinem Namen, also dem Deckmäntelchen der christlichen Nächstenliebe passiert sind…
Und leider ist es nun auch bei uns so ähnlich. Bei uns heißt das Deckmäntelchen zwar Toleranz und Transparenz, aber leider scheint es auf das Gleiche hinaus zu laufen!
Vor allem von Toleranz, für die ich meine Piraten unter anderem so sehr schätze, ist zwischenzeitlich nämlich gar nichts mehr zu spüren!

Da wird nun plötzlich mit diebischer Freude und Polemik auf jeden eingehackt, der es nur wagt, eine vielleicht andere Meinung zu äußern oder auch nur zu denken! Da mutieren echt liebe Menschen plötzlich zu bösartigen Rechthabern, die ihre und nur ihre Ansicht als das einzig Heilbringende erzwingen wollen. Da wird Leuten, die sich, so wie ich als Teil der Basis fühlen, plötzlich Machtgeilheit, Elitedenken und Bösartigkeit unterstellt – Dir würden echt Deine himmlischen Locken zu Berge stehen.

Weißt Du, ich bin ein ganz kleines Licht in dieser Partei. Ich bin im Bezirksvorstand in Niederbayern, als 2. Vorsitzende und ob Du es nun glaubst, oder nicht, ich hatte mich auch seit meiner Wahl immer nur als Basisgurke gefühlt. Von einer imaginären Macht, die plötzlich gehabt haben sollte, hab ich so rein gar nichts gespürt. Und auch von der Elite fühl ich mich so weit weg, wie Du vom Highway to hell. Das einzige, was ich gespürt hatte, war einfach viel mehr Arbeit! 
Ich bin nach Möglichkeit zu jedem Stammtisch gefahren, habe an jeder möglichen (und auch unmöglichen) Mumble-Sitzung teilgenommen, musste mich auf Mailinglisten abwatschen lassen und hab trotzdem immer versucht vermittelnd zu wirken, wenn unsere Piraten sich mal wieder gar nicht einigen konnten und hab ansonsten echt alles getan, um den Bezirk zusammen zu halten und weiter zu festigen und die Gründung unserer Kreisverbände voranzutreiben. Wie gesagt, so weit es in meiner Macht stand, die ich niemals als recht groß empfunden habe. Aber das ist halt so als Vorstand. Wie Du weißt sind piratige Vorstände ja nicht programmatisch, sondern nur verwaltend tätig.

Nun bin ich aber nicht nur verwaltender Vorstand, sondern wie gesagt auch Basis. Und als Basismitglied sah ich für mich durchaus immer das Recht an, auch programmatisch an irgendwelchen Dingen mitarbeiten zu dürfen. Ich will nämlich mitarbeiten! Ich will, dass wir Piraten in die Parlamente einziehen und dass sich in Deutschland endlich was ändert! Und so landete ich vor wenigen Tagen tatsächlich auch bei den „Frankfurter Kollegen“. Diesem üblen Verein, Du weißt schon. Als Basismitglied wohlgemerkt, das sich diesen „Versuch“ einer neuen Kommunikation einfach mal anschauen möchte um vielleicht etwas Gutes bewirken zu können. Denn, sind wir uns mal ehrlich: Bis jetzt das das Kollegium ja eigentlich Nichts bewirkt. Weder was Gutes, noch was Schlechtes. Das sollte wohl jeder zugestehen. Dort werden wie überall anders auch Positionspapiere erarbeitet, bei Parteitagen eingereicht werden usw.  und dann wird wie immer die Basis darüber entscheiden, ob die nun gut sind oder nicht. Und auch ich als Mitglied kann dann für entscheiden, ob das dann Dinge sind, die ich unterstützen kann oder eben halt nicht. Wenn das Ganze scheitern sollte, wird es eben wieder in der Versenkung verschwinden, wie so viele Gruppierungen davor auch. Aber dann hat man vielleicht wenigstens versucht neue Wege zu gehen. Ist das wirklich so verachtenswert? Ist ein solcher Versuch es wirklich wert, die Piraten in gut und böse aufzuspalten? 
Viele, viele Piraten sind mit der derzeitigen Art der Kommunikation nicht einverstanden und beschweren sich sich permanent – wenn Du mal auf die Mailing-Listen schaust, dann kannst Du ein göttliches Lied davon singen. Viele wollen, dass sich etwas ändert! Aber letztlich scheint irgendwie allein der Versuch schon strafbar zu sein… Und dann werden ganz schnell Menschen zu Ketzern degradiert, die sich einfach mal entschieden haben, an Programmgestaltung einfach mal anders rangehen zu wollen. Ja, ich weiß schon, was Du jetzt sagen willst. Du hast ja recht. Manches bei uns ist nicht so in Ordnung, nicht wie es sein sollte. Und zwar quer durch alle Gremien. Da menschelt es oft halt recht gewaltig...

Aber so weit kannst Du mir bislang in weiten Teilen zustimmen und siehst diese Programmatik, diesen Ansatz völlig getrennt von meinem Amt als Vorstand? Ha! Das dachte ich auch – aber weit gefehlt!

Ich will Dir nun mal was sagen. Da gibt es Piraten, denen ist das „Frankfurter Kollegium“ so egal ist, als würde in Chicago ein gelbes Fahrrad umfallen. Die wollen erst mal abwarten, wie sich das Ganze entwickelt und äußern sich ansonsten nicht weiter dazu. Und dann wiederum gibt es die, denen das sogar gefällt und die damit sympathisieren und das Ganze nicht als Pakt mit dem Bösen betrachten. Aber da gibt es auch andere – ob das wirklich so viele sind, kann ich Dir eigentlich gar nicht sagen – aber zumindest sind es die, die am lautesten schreien, die jetzt Verrat und Blasphemie brüllen und all diejenigen, die sich dieser Gruppierung angeschlossen haben, auf dem Scheiterhaufen brennen sehen wollen. 

Schüttle Du jetzt nicht den Kopf! Es ist so.

Vorstände, deren eigentliche Arbeit gar nichts mit dem Kollegium zu tun hat, sollen jetzt plötzlich nicht mehr tragbar sein – ob sie vorher gute Arbeit geleistet haben oder nicht, interessiert keine alte Sau mehr. Verzeih die Wortwahl, aber ich bin so entsetzt! Menschen, die ich echt mag und mit denen ich bislang wirklich gut zusammen gearbeitet habe, haben mich ohne ein persönliches Wort oder auch nur einen Hinweis darauf auf FB entfreundet, auf Twitter entfolgt und weigern sich vehement mit mir zu sprechen – grad so als wäre ich als halbwegs netter Mensch nach Frankfurt gefahren und als das personifizierte Böse wieder nach Hause gekommen. Ich fühle mich im Augenblick,  als wäre ich der NSDAP beigetreten und hätte den Führer reanimiert! Jetzt guck nicht gleich so entsetzt! Ein schockierender Gedanke, ich weiß - ist ja nur Ausdruck dieses Gefühls etwas ganz, ganz Schlimmes verbrochen zu haben... Zu diesem unseligen Thema gibt es übrigens grad ein neues Buch, dass sicher auch auf etlichen Wunschzetteln stehen dürfte ;-), die bei Dir jetzt so reinschneien. Aber darüber brauchen wir beide jetzt nicht streiten, wir wissen beide genau, was von diesem Thema zu halten ist, nicht wahr?

Ach, jetzt erzähl  Du mir nichts von Weihnachts- und Weltfrieden, Toleranz und Meinungsfreiheit!
Ist definitiv gestrichen, wegen ist nicht!

Du kennst meine „dunkle Vergangenheit“ bei dieser verfassungsfeindlichen Gruppierung, die sich CSU nennt und meinst jetzt, gerade ich müsste doch bestens daran gewöhnt sein, dass man als Parteisoldat niemals eine eigene Meinung haben darf? Dass man niemals sagen darf, was man denkt? Dass gelebte Intoleranz mir in Fleisch und Blut übergegangen sein müsste? Dass alles gesagt werden darf und zwar von jedem, solange alle das Gleiche sagen? Schon. Sicher. Aber dann weißt Du auch genau, warum ich aus diesem Club damals wieder ausgetreten bin – was schwer genug war, nach dem ich fast 8 Monate um diesen Austritt gekämpft hatte, bis ich ihn endlich schriftlich hatte.
Ich habe diesen Kameraden den Rücken gekehrt, eben gerade weil ich nicht auf mein Recht auf eigene Meinung verzichten wollte. Gerade weil ich mir nicht vorschreiben lassen wollte, was ich zu denken und zu tun habe, gerade weil  die dort von Transparenz und Toleranz so weit entfernt sind wie Allah vom Vatikan! 

Und ich habe meine ganze Hoffnung auf die Piraten gesetzt, bei denen eben jeder frei und ohne Doktrin mitmachen kann. Du merkst schon, wie weh es mir tut, dass ich jetzt wieder auf genau die Strukturen und Geisteshaltungen treffe, vor denen ich einst panisch geflüchtet bin.

Liebes, liebes Christkind! Kannst Du nicht mal ein bisserl auf unsere Piraten einwirken? Von wegen gemeinschaftlichem Miteinander, andere Meinungen akzeptieren ohne die Scheiterhaufen zu entfachen und sich nicht in Polemik und Vorurteile zu verrennen?  Kannst Du nicht machen, dass wir einfach alle Piraten sind? Egal ob jung , alt, dick, dünn, klug, gescheit, doof, gender, postgender, männlich, weiblich, groß, klein, laut, leise, rational, emotional – wie auch immer? Kannst Du nicht vernünftigen Umgang miteinander, Sachlichkeit, gegenseitiges Wohlwollen, Hirn und ein wenig Glitzer-Flausch über uns alle regnen lassen?

Das wäre für dieses Jahr mein innigster Weihnachtswunsch! Neben der coolen Handtasche selbstverständlich, von der ich ja jetzt schon weiß, dass ich sie unter meinen Weihnachtsbaum legen darf ;-)

Ich wünsch Dir jedenfalls noch recht wenig Stress bei Deinem Tagesgeschäft und noch mal:
Wenn Du auch nur ein bisserl Zeit erübrigen kannst, dann vergiss auch Deine Piraten nicht. Sie sind nämlich im Grunde schwer in Ordnung!

Weihnachtliche Grüße schickt Dir, Deine Flusspiratin

Kommentare:

  1. Okay, die Idee mit dem Christkind mag nett gemeint gewesen sein. Okay, ich sehe davon ab, einzelne Metaphern auszuschlachten - ich denke du hattest da keine böse Absicht! Von Hexenverbrennung, Kreuzzug, Blasphemie, etc. zu reden finde ich persönlich allerdings sehr unglücklich.
    Was mich aber vor allem stört, ist das Niveau, auf das du dich durch deine metaphorischen Aussagen begibst: Du unterstellst, vertiefst die Fronten (die aus meiner Sicht nicht irreversibel sind) und zeigst dich hochgradig polemisch! Nach meiner Information genau die Kommunikationsform, die das FK nicht will!
    Dein CSU-Meinungsfreiheits-Vergleich ist symptomatisch für den ganzen Text: Du beharrst auf dein Recht auf Meinungsfreiheit (welches du ohne Zweifel hast). Dann musst du aber auch die Meinung und damit auch Kritik der FK-Kritiker akzeptieren können. Dass dabei im Stil einiges schief läuft möchte ich nicht bestreiten. Dass dein Text nicht wirklich besser, sondern nur metaphorisch geschönt ist, bitte ich dich aber ebenfalls zur Kenntnis zu nehmen.
    Inhaltlich bietet dein Text leider keine neue Erkenntnis, aber gut.
    Nochmal zur Verdeutlichung: Ich möchte dir keine bösen Absichten mit diesem Text unterstellen und verstehe/begrüße deinen Versuch, die Wogen zu glätten. Aber der Stil...

    AntwortenLöschen
  2. Danke lieber Florian für Deinen Kommentar! Ich will nicht lang dran rumpfuschen, möchte nur noch mal betonen, dass ich sehr wohl in der Lage bin auch die Meinung der FK-Kritiker an zu nehmen und v.a. auch zu respektieren. Wir leben schließlich alle von der Meinungsvielfalt und ich möchte diese keinesfalls in Abrede stellen. Aber ich gehe auch immer davon aus, dass man Satire auch erkennt, wenn man sie vor sich hat...

    AntwortenLöschen
  3. Selbstverständlich hab ich die Satire erkannt. Und Satire darf meiner Ansicht nach alles. Wollte vielmehr nochmals den Blogpost nutzen um zu zeigen, dass es sich in keinem Fall um einseitiges Fehlverhalten handelt! Unterhaltungswert hat der Beitrag natürlich!

    AntwortenLöschen
  4. Hey Florian - jetzt so richtig lieben Dank an Dich!Ich gebe Dir absolut recht: Keine der Seiten hat das "Fehlverhalten" gepachtet und es ist meist auch nicht einseitig. Ganz klar. Grad deshalb sollten wir fair miteinander kommunizieren, dann kommt es nicht so schnell zu Missverständnissen!Ah ja, und auch danke für den "Unterhaltungswert" ;-)

    AntwortenLöschen